Gedanken in der Nacht

Ich gehe vom Wohnzimmer, wo Emma schläft, durch das Kinderzimmer, wo Albert schläft. Aus dem dunklen Zimmer tönt seine Stimme „Gute Nacht, Mama!“ Ich gehe zu ihm, um ihm eine gute Nacht zu wünschen. Er ist warm, sehr warm. „Mir ist es so warm mit der Decke. Und dann zu kalt wenn ich die Decke nicht habe!“ Er sagt auch, und das geht nur so richtig auf Schwedisch „Jag känner mig inte trygg när jag är ensam här i rummet!“ So ähnlich hat er es formuliert, sinngemäss übersetzt heisst das so etwas wie „Ich fühle mich nicht sicher hier alleine im Zimmer“. Ich frage ihn, ob ich noch ein bisschen bei ihm bleiben soll. „Ja“, sagt er und „jag älskar dig, Mama“. Und „Ich liebe dich!“. Dann erzählt er mir, dass er nicht möchte, dass wir älter werden. Er möchte, dass ich so alt bleibe wie jetzt und er auch. 7 bis 9 Jahre, das ist ok. Aber nie älter werden. Und dann kommen wir zum eigentlichen Grund. „Ich möchte nicht, dass jemand irgendwann aus unserer Familie stirbt.“ Und er sagt auch: „Dann will ich mich am besten selber tot machen.“

Ich erzähle ihm, dass noch viele gute Dinge für ihn kommen. Was, will er wissen. Zum Beispiel dass er ja später mit seinen Freunden oder seiner Familie viele tolle Dinge entdecken kann, die ihn interessieren. „Aber vielleicht habe ich ja keine Familie?“ Ich antworte, dass er ja dann mit seinen Freunden die Welt entdecken kann. „Ach ja“, sagt er, „die werden ja auch älter. Zum Beispiel Michael und Dawid und Theo.“ Ein kleiner Blick in die Zukunft.

Dennoch, den Gedanken an den Tod, die Urangst, die im Menschen vergraben ist, die kann ich ihm nicht nehmen. Aber ich sage ihm, dass ich glaube. Dass ich daran glaube, dass alles nach dem Tod nicht vorbei ist. Im Gegenteil. Dann fängt alles erst richtig an. Die, die sterben, gehen voran in den Himmel zu Gott und warten auf die, die noch leben. Und wenn alle da sind, dann gibt es ein riesiges Fest. Vor wenigen Tagen hatte er mir beim Einschlafen auch erzählt, dass er nicht älter und alt werden möchte. Da hatte ich ihm gesagt, dass da ja noch sehr viel Zeit ist und er jetzt noch nicht darüber nachzudenken braucht. Aber das scheint nicht wirklich eine gute Antwort zu sein. Denn die Gedanken kommen wieder. Und scheinbar besonders dann, wenn er einschlafen will und sich vielleicht dessen bewusst ist, dass er eventuell alleine sein kann. Wie dem auch sei, diese Gedanken bewegen ihn. Und somit auch mich.

Bald darauf schläft er ein. Morgen wacht er wieder auf und ist einen Tag älter. Näher an den Entdeckungsreisen mit den Freunden, an wunderbaren Dingen. Und auch näher an der Begegnung mit dem Tod, irgendwann, in irgendeiner Form wird sie kommen. Diese Tatsache kann ich, so sehr ich auch mit aller Kraft möchte, nicht verändern. Wenn dieser Moment da ist, wo er jemanden, den er liebt, nicht länger bei sich haben kann, dann hoffe ich, dass ihn die Liebe, die er spürt, nicht nur trauern lässt, sondern auch in Dankbarkeit in ihm zünden wird. Ich hoffe, dass sein Herz getröstet sein wird. Dass seine Augen aufschauen und er seine Hoffnung findet. Dass ihn sein Glaube an die Hand nimmt und ihn weiterführt, jeden Tag ein Stückchen näher in seine eigene Zukunft und an unser aller Ewigkeit heran.

Mir fällt das gute alte Lied ein „Meine Zeit steht in deinen Händen, nun kann ich ruhig sein, ruhig sein in dir (…)“. Schlafe gut, mein lieber,   lieber, lieber Albert, und ruhe dich aus.

Wie Dietrich Bonhoeffer es nicht besser in Worte hätte fassen können ,

„(…) Von guten Mächten wunderbar geborgen,
Erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
Und ganz gewiss an jedem neuen Tag (…)“.