Totales Chaos

Wir haben uns – so gut es ging – auf den Schulanfang vorbereitet. Aber ich stelle fest, so richtig vorbereiten konnte man sich nicht auf das Chaos, was heute auf uns wartete. Ich bin immer noch völlig überwältigt und überhaupt nicht glücklich darüber, wie das gelaufen ist. Wie ein Schwein habe ich ins Uhrwerk geschaut und war überrascht, wie sehr die Schulen davon ausgehen, dass man automatisch weiß wie ein erster Schultag aussieht, wo man hingeht (wo nicht), wieviel Zeit man einplanen muss und so weiter. Und dass, obwohl beide Schulen, laut eigenen Angaben, sehr viel Erfahrung mit Ausländern (= Leuten, die das System nicht kennen) haben.

Das Gute war, dass das Frühstück gepackt war, die Kinder gegessen hatten und wir alle rechtzeitig auf dem Weg waren. Wir hatten und entschieden, Albert heute ausnahmsweise nochmal auf dem Fahrradsitz zu transportieren, damit wir recht schnell und vor allem gemeinsam zuerst zu Emma’s und dann zu Albert’s Schule fahren konnten. Ausserdem haben wir ja den Morgenverkehr noch nicht erlebt und dachten, es sei vielleicht eine gute Idee, das nicht gleich mit Albert auf dem Rad und am ersten Schultag zu probieren. Bis zur Ankunft bei Emma’s Schule lief eigentlich alles glatt.

Dann kamen wir an und trafen auf einen total vollen Schulhof mit lauter Musik und massenweisen Schülern und Eltern. Wohin nun? Beim Klassenzimmer war niemand. Also draussen suchen. Die Zeit verging und 8:25, der eigentliche Schulbeginn war bereits vorbei, die Schulklingel hatte auch schon geläutet. 8:45 sollte Albert’s Schule beginnen. 8:31. Was nun? Man bekam keine so klare Auskünfte. Dann sehe ich die Erzieherin von Emma umringt von Kindern und Eltern. Wir entscheiden dass Emma, bereits seit einigen Minuten auf Papa’s Arm, mit Papa dort bleibt und ich Albert zur Schule bringe. Ich nehme prompt den falschen Weg. Zu Fuss wäre es eigentlich genug Zeit um – wenn man den richtigen Weg nimmt – rechtzeitig bei Albert’s Schule zu sein. Leider haben wir das letzte Mal als wir von Emma’s Schule kamen jedoch nicht den direkten Weg zu seiner Schule gegangen sondern zu Papa’s Fakultät. Dort landeten wir auch heute. Toll. Die Zeit wird knapp, ich werde nervös. Ich bitte Albert auf den Fahrradsitz zu steigen (von einer Bank) und ich fahre etwas wackelig los – normalerweise fahre ich mit Emma im Sitz – natürlich ohne Fahrradhelm. Ein Auto vor uns hält den Verkehr auf und ich muss anhalten und kann nur sehr wackelig wieder losfahren. Albert bemerkt, dass ich ja keinen Helm auf habe. Und dass ich ja tot werden kann ohne Helm. Ich antworte ungeduldig, dass das jetzt gerade nicht das Wichtigste für mich ist, weil ich gerade versuche, rechtzeitig bei der Schule anzukommen. Das schaffen wir dann auch.

Auf dem Schulhof reihen sich kleinere Kinder auf. Im Klassenzimmer ist niemand. Wo ist Albert’s Klasse? Ich sehe eine Lehrerin hinter einer Ecke auf dem Hof verschwinden und höre laute Stimmen aus dieser Richtung. Wir gehen hinterher und entdecken, dass hinter der Ecke ein grösserer Hof liegt und dort bereits viele Kinder in vielen Reihen stehen. Sofort fragt uns eine Lehrerin ob wir hier neu sind und hilft uns, die richtige Lehrerin und Reihe zu finden. Obwohl es voll ist, ist es erstaunlich ruhig. Die Lehrerin am Mikrofon wünscht allen einen guten Tag und sagt: „So, jetzt winken wir mal den Eltern und sagen ‚Bis heute Nachmittag!‘. Albert ist der letzte in seiner Reihe und es erscheint mir, als ob er einen halben Kopf grösser ist als der Rest. Kein Wunder, denn wahrscheinlich ist er so ziemlich der Älteste nun. Ich hoffe, dass alles gut geht. Er sieht unsicher aus aber gefasst. Ein bisschen wie an seinem ersten Schultag in Schweden. Er winkt mir und läuft hinter den Kindern her ins Haus. Ich gehe, etwas schweren Herzens. Bis um 15:30 Uhr also.

Etwas später treffe ich András, der auf dem Weg zur Arbeit ist. Er ist überhaupt nicht begeistert davon, wie es in Emma’s Schule ablief. Chaos was das. Nach einer Weile hatte Emma dann einen Aufkleber mit Namen und ein Klebearmband. Das bekamen alle Schüler. Das wussten wir vorher nicht. Aber wir wussten von dem Affen, dem Symbol, was sich Emma am Schnuppertag aussuchte.

Wir hatten Emma extra beigebracht, dass ihre Sachen bei dem Kleiderhaken mit dem Affensymbol hängen. Aber es gab nur eine Affensymbol bei den Haken der Parallelklasse. Bis ein anderes Kind kam und auf den Platz wollte – der ja seiner war. In Emma’s Klasse wurde der Affenaufkleber vergessen. Blöd. Nachdem András geschafft hatte, Emma dann auf einen Platz mit Haken ohne Symbol zu bringen – durch ziemlich viel Gedrängel auf dem Flur – kam die Erzieherin vorbei, zog Emma’s Hand aus der von Papa, meinte, es wäre jetzte eine gute Zeit zu gehen und zog Emma Richtung Klassenzimmer. Zeit für eine Verabschiedung blieb nicht. Emma weinte nicht laut, aber durch das Fenster sah András, wie sie sich mit den Ärmeln über das Gesicht wischte. Leises Weinen bei Emma ist viel trauriger als lautes. Nach dem Chaos auf dem Schulhof wo alle 30 min rumstanden und irgendwer wer was am Mikrofon sagte wurde dann alles in 2 Minuten in einem überfüllten Flur drängelnden Eltern und Kindern abgewickelt. Was für ein Auftakt!

Angeblich würden wir am ersten Schultag alle Infos bekommen, was wir noch besorgen müssten für Emma. Das wurde uns am Schnuppertag gesagt. Aber heute wollten sie doch bitte gerne schon gleich die Feuchttücher und die Taschentuchpackung haben. Tja. das hätten sie auch gerne am Schnuppertag erwähnen können.

Ein harter Anfang. Nucki im Klassenzimmer ist nicht gestattet, was auch ok ist. Allerdings fand ich es seltsam als wir halb im Scherz sagten: „Oh, bei Emma könnte das dann durchaus laut werden!“ und die Erzieherin meinte: „Ach, ich bin viel Lärm gewöhnt!“. Eine Erzieherin, 24 Kinder. In Schweden waren es 15 Kinder mit 3 Erzieherinnen. Eine ziemliche Umstellung…

Ich sollte eigentlich die Möglichkeiten geniesssen die dieser Tag mit sich bringt. Was man bis 15:30 (=Abholzeit) alles machen und schaffen kann? Und ich sitze hier, mit einem üblen Gefühl im Bauch und frage mich, wie es meinen beiden jetzt geht. Muttersein ist allumfassend und  irreversibel. Das System wurde für immer geändert und ich bin nicht allein in meinem Kopf. Ich gehe heute das erste Mal in die zweite Klasse und verstehe kein Wort. Ich bin das erste Mal in einer Schule und habe keinen Nucki und keine Mama dabei. Und ich kann nichts machen. Ausser die Küche aufräumen. Vielleicht hilft das ja.