Es ist Sonntag. DER wunderbare Tag in der Woche, an dem Papa nicht arbeitet. Und wir wollen zum Strand. Bewaffnet mit der „Angry birds“-Luftmatratze und passendem Büchsengetränk (siehe Fotos) machen wir uns auf dem Weg, András auf dem Drahtesel, Albert und ich per Bus. Aus unerfindlichen Gründen und mütterlicher Verwirrtheit nehmen Albert und ich den falschen Bus, verpassen den Richtigen beim Umsteigeversuch und langweilen uns an der Haltestelle bis der nächste Bus kommt, Gott sei Dank mit Verspätung.
Als wir am Strand ankommen sitzt Papa schon im Grase und erfreut sich der Tatsache, dass neben vielen anderen Besuchern auch eine Truppe mit elektronischer Musik und Lautsprechern eingetroffen ist. Es gibt nicht nur Strand, es gibt auch Beschallung. Nun gut. Nach einer Weile frage ich mich stirnrunzelnd, ob ich wohl das einzige Wesen bin, das die Beats und die nuschelige tiefe Stimme aus der Konservendose stört. Langsam steigender Stresspegel in Korrelation mit zunehmender Lautstärke. Ich werde langsam wütend. Erfolglose Versuche, mir die Musik schönzureden. Standortwechsel, näher zum Wasser. Immer noch Musik. András macht einen diplomatischen Anlauf und fragt mal die Jungs mit der Musik freundlich, was denn so der musikalische Unterhaltungsplan für den Nachmittag wäre. Ob es denn mal eine Pause gäbe oder die Lautstärke weniger werden würde. Ich beobachte ihn, wie er mit einem nett aussehenden schwedischen ca. 25-jährigen im Ethnohemd spricht. Der klopft András freundlich auf die Schulter und ist die Ganzkörper-Variante von „Alles ist gut“. Nein, die Musik müsse kontinuierlich sein, denn das gehöre zum Konzept von der Musik im Einklang mit der Natur.
Nichts ist gut. Wütend stapfe ich zu der Truppe und sage, dass ich das sehr ärgerlich finde, dass man hier einfach so beschallt wird, ohne gefragt zu werden. Man wartet die ganze Woche darauf, mal für eine Weile kein „Mama, Mama“ zu hören, sondern den runden Bauch in die Sonne zu strecken, mit blinzelnden Augen Papa und Sohn beim Wasser zu sehen und ausser Gesprächsfetzen und Kinderstimmen keine weiteren auditiven Gipfelerlebnisse zu haben. Fast fange ich an zu heulen vor Entrüstung und die Jungs halten sich sehr tapfer, mich zu beschwichtigen. Ihre „Eins-mit-der-Natur-und-der-Musik-Philosophie“ leuchtet mir weniger ein und ich will mich nicht in den Trance tanzen oder warten, wann mich der Viervierteltakt weniger wütend macht. Die schwangere Tante wird beschwichtigt und die Musik für 2 Stunden leise gestellt. Der Adrenalinpegel senkt sich, spätestens nach einer kleinen Runde im Wasser. Ich bin den Jungs dankbar und insgeheim froh, dass ihre Philosophie von „Alle fühlen sich gut mit dieser unglaublich wunderbaren Musik in der Natur“ nicht mit meinem Unbehagen übereinstimmt. So mussten sie sich – zumindest zeitweise – ihrer eigenen Auffassung unterstellen.
So, nun ist es besser und der Nachmittag kann ruhig weiterverlaufen. Denke ich.
Etwas später findet sich eine Ente ein, die engagiert auf Picknickdeckenzipfeln entlangrennt und ständig versucht, Kuchen zu stibitzen. Ich finde, dass kann sie gerne woanders tun und schlage Albert vor, dass er die Ente mit seiner Wasserpistole bespritzt und zur Migration Richtung Wasser ermutigt. Belustigt schaue ich ihm zu wie die Ente vorneweg wackelt, Albert hinterher mit seiner Wasserpistole. Harmloser Spass, denke ich. Der Spass hält nicht lange an. Die 31-jährige Musikliebhaberin á la „Musik und Natur“ von nebenan erkundigt sich, ob das Kind denn unseres wäre und dass sie fände, dass er die Ente stresst und dass das so nicht ginge. Ich weiss gar nicht, wie ich das nun verstehen soll uns sage gar nichts. András reagiert schnell und meint, sie könne das ja sehr gerne dem Albert selbst erklären. Das tut sie dann auch. Geht hin und redet mit ihm. Er hört zu, sagt was, sie geht wieder zurueck zur Picknickdecke. Dann kommt Albert zu Papa gelaufen und versteckt sich, sagt kein Wort, antwortet nicht, wenn man ihn fragt, was los ist und ich verstehe nicht, was das nun ist.
Zong, steigt mir schon wieder Adrenalinspiegel und ich bedanke mich bei der Dame für ihre Aktion. Keine Frage, ich reagiere über. In dem Moment allerdings unvermeidbar.
Die nächste halbe Stunde diskutiere ich mit der Frau über den Vorfall. Sie meint, dass dem Kind Empathie fehle, wenn es die Ente so jagt. Nicht also nur ein Problem für die Ente, sondern auch ein Problem für das Kind. Völliger Schwachsinn, finde ich, solche Pauschalisierungen kann ich nicht stehen lassen. Dann kann ich ihr im Gegenzug pauschalisierend fehlende Empathie für Kinder ausstellen. Nein, sie wüsste, wovon sie spräche, denn sie wäre Psychologin und wäre auf Kinder spezialisiert. Gut, meine ich, ich auch. Ach, meinte sie, das wäre ja interessant.
Sie verteidigt fleissig die Ente, dass wir in ihren Lebensraum eindringen und sie deswegen nicht stören dürfen. Scheinbar zählt die Musik, für die sie extra hierher gekommen ist, nicht zu einer solchen Störung. Warum denn dann die Ente so hartnäckig auf meiner Picknickdecke wäre, frage ich, wo ich doch auch gerne ungestört sein möchte. Weil die Menschen sie gefuettert haben und nun erliegt sie quasi der Schonungslosigkeit unbekannter Dritter. Sie betont mehrmals, dass man eine Ente nicht jagen und NICHT MIT WASSER BESPRITZEN SOLLTE. Ich frage mich insgeheim, ob sie das denn anderen Enten oder natuerlichen Entenfeinden auch schon gesagt hätte. Ich schlage eine Differenzierung zwischen Aggression gegen Tiere, Tiere quälen und Ente mit Wasserpistole hinterherlaufen vor. Kein Erfolg. Das ist für sie alles eine Sache. Die Ente ist gestresst und versteht nicht, dass sie mal woanders hingehen sollte, wenn sie Ruhe haben will. Ich frage mich, in welchem Lehrbuch sie eine solche Einfältigkeit der Tiere gelernt hätte. Komisch eigentlich, dass die Ente lernen kann, dass sie von Menschen Futter bekommt, wenn sie sich nähert, aber nicht, dass sie vielleicht das Weite suchen sollte, wenn sie von kleinen Jungs mit Wasserpistolen gejagt wird.
Nach 30 Minuten schaffen wir es immerhin, das Gespräch auf berufliche Tätigkeit zu steuern und die Stimmung legt sich. Was ich über ihre Tätigkeit erfahre ist interessant, auch wenn wir die Entenfrage nicht klären können. Sie versteht, dass mein müdes Hirn und die elektronische Musik nicht gerade dazu beitragen, dass ich heute die freundlichste Person der Welt bin.
Ente gut alles gut? Naja. Einen Tag später kann ich mich immer noch ereifern über ihre Argumentation. Und ich ärgere mich, weil ich Albert einen Vorschlag gemacht habe und das Problem nicht gleich mit der Frau besprochen habe. Kann er doch nichts dafür, dass seine Mama eine Entenradikale ist und ihm erst Vorschläge macht, die die Entenpazifistin von der Nachbardecke ihm wieder ausreden will. Wem soll er denn dann glauben? Er hat ja nur gemacht, was Mama vorgeschlagen hat..
Was haben wir also gelernt aus der Entenepisode.
Wenn irgendjemand ein philosophisches Problem mit der Tätigkeit meines Kindes hat (und mein Kind aber niemand wirklich physikalisch oder sonst eindeutig stört), dann trage ich die Sache mit der Person aus. Sollte ich das Problem einsehen, kann ich gerne meinem Kind erklären, warum das nicht geht und weshalb ich das nicht will. Wenn das nicht einleuchtend ist, kann man die betreffende Person bitten, es dem Kind auch nochmal zu erklären. Bin ich nicht einverstanden, dann muss mein Kind nicht einbezogen werden. Ausserdem soll diejenige Person nicht alleine sondern in meinem Beisein mit meinem Kind sprechen.
Ausserdem habe ich eine neue Geschäftsidee. Ich werde Stressbewältigungskurse für Enten anbieten. Vielleicht dann, wenn ich geschafft habe, meinen eigenen Stress zu bewältigen…