Der Daumen

Es geht ganz schnell. Albert will die Terassentür schließen. Emma fängt an zu schreien. András brüllt „Stop! Albert, stop!“.  Emma schreit lauter, Albert ist verschreckt, entschuldigt sich gleich zweimal hintereinander. Nein, Emma’s Daumen einklemmen, das wollte er nun wirklich nicht. Sie hatte ihre Hand in dem Ritz an der Scharnierseite der Tür und den Daumen hatte es erwischt, der wurde heftig gequetscht. Emma’s Daumenspitze ist dunkel an der Innenseite, schwillt an, sie brüllt und berühren darf man den Daumen auf keinen Fall. Kühlen ist nicht möglich. Was nun? Erst einmal beruhigen, Mama’s Schoß und Nucki. Wir ziehen Emma an, András ruft im Krankenhaus an und fragt, ob es gut wäre, vorbeizukommen. Die Frau am Telefon meint, er solle ruhig kommen. Er schwingt sich auf’s Fahrrad und fährt mit Emma durch den strömenden Regen zum Krankenhaus.

Kein Bruch, aber der Arzt meinte, es sei gut gewesen, daß sie da gewesen waren, denn bei inneren Verletzungen an den Fingern kann es schnell zu Entzündungen kommen, die sich dann auf der Hand ausbreiten können. Außerdem kann man meist selbst nicht feststellen, ob evtl. ein Muskel abgeklemmt wurde. Weil die Kinder unter Schock stehen ist es meist auch nicht so aussagekräftig, sie zu bitten, die Finger zu bewegen. Also war der Besuch im Krankenhaus eine gute Maßnahme.

Die Wartezeit war kurz, das Personal nett und kompetent. Emma war wohl etwas verschreckt, als der Arzt kam, aber letztendlich bekam sie keine Spritze sondern ein Schmerzmittel mit nach Hause, das nach Erdbeeren schmeckt. Außerdem bekam sie eine Plastikspritze geschenkt, weil sie so gut mitgemacht hat. Wie man sieht, ist sie darauf sehr stolz..

Schreibschrift

Nach meinem letzten (verzweifelten) Eintrag sind nun schon 2.5 Wochen vergangen. Die dritte Schulwoche hat begonnen und so langsam haben wir uns an den neuen Rhythmus etwas gewöhnt. Was nicht heißt, dass jeder Morgen nicht mit einer ordentlichen Portion Ächzen und Meckern beginnt. Morgens aufstehen mit der Aussicht, in die Schule gehen zu müssen erfüllt jedenfalls keinen der Kinder mit sonderlich großer Freude. Emma hat sich wirklich gut an die Schule gewöhnt. Sie darf jetzt ihren Nucki mit zur Schule nehmen, gibt ihn aber dort bereitwillig ab (und braucht ihn dann auch wohl nicht mehr). Sie schläft meistens eine Stunde am Mittag und braucht das auch. Dafür darf sie dann ihren Nucki auch wieder haben. Windeln braucht sie überhaupt nicht mehr – nur in der Nacht und für große Geschäfte – aber die macht sie nicht in der Schule. Vor 2 Tagen (da war ich gerade in Deutschland) ist sie wohl mitten in der Nacht aufgewacht, hat gezappelt und war unruhig und hat dann, nach einer Weile, Papa verraten, daß sie Pipi machen muss. Sie macht ihre Sache echt gut! Wenn ich sie abhole, sitzt sie meist vergnügt neben den anderen wartenden Kindern auf der Bank und grinst mich schon durch die Scheibe an. In der Schule tut sie wohl so, als ob sie die Lehrer nicht verstehen würde – aber die meinten, daß das in keinster Weise ein Problem darstellt. Alles in allem hat man den Eindruck, dass sie in der Schule angekommen ist. Ich bin unglaublich erleichertert.

Albert hatte in den ersten 2 Wochen sehr damit zu kämpfen, dass er mit niemandem sprechen konnte. Aber in den letzten Tag ist er mutiger geworden und versucht öfter Dinge zu sagen. Die Lehrerin ist sehr zufrieden mit ihm. Es gibt eine Leseliste, in der immer von den Eltern eingetragen wird, wann die Kinder zuhause (laut) lesen. Für jeden Eintrag müssen die Kinder zwischen 5 und 10 Minuten lesen. Für jeden Eintrag der Eltern macht die Lehrerin dann einen Stempel in die Liste und am Ende gibt es einen Aufkleber. Albert ist sehr motiviert das Blatt zu füllen und liest freiwillig sehr viel. Meist auf Schwedisch. Er hat auch einen Freund gefunden in seiner Klasse, der letztes Jahr auch nach Belgien gezogen ist und die Sprache nicht konnte. Er kam am Samstag zu uns und spielte mit Albert. Das lief – nach Auskunft vom Papa – wohl sehr gut. Ich freue mich, dass er jemanden gefunden hat, mit dem er gut zurecht kommt. Denn am Anfang wirkte es schon teilweise wirklich trostlos, Albert alleine stehend oder spielend auf dem Schulhof anzutreffen. Sobald er die Sprache etwas mehr beherrscht, wird alles sicherlich viel einfacher. Er lernt nun auch Stück für Stück die Schreibschrift. Das ist erstaunlicherweise kein sehr großes Problem und die Lehrerin lässt ihn manchmal auch einfach alles mit Druckbuchstaben schreiben. Sie meinte allerdings, daß er sehr gut auch einfach das nachschreibt, was die anderen schreiben. Hier sind ein paar Fotos, die Albert bei seinen Hausaufgaben zeigen. Jede Woche bekommen alle ein Paket von 25 Worten, die sie dann schreiben müssen. Zwar wissen wir momentan noch nicht, was die Worte bedeuten, aber Albert hat schon echt gut gelernt, ein paar Buchstaben in Schreibschrift zu schreiben und diese auch zu verbinden.

Totales Chaos

Wir haben uns – so gut es ging – auf den Schulanfang vorbereitet. Aber ich stelle fest, so richtig vorbereiten konnte man sich nicht auf das Chaos, was heute auf uns wartete. Ich bin immer noch völlig überwältigt und überhaupt nicht glücklich darüber, wie das gelaufen ist. Wie ein Schwein habe ich ins Uhrwerk geschaut und war überrascht, wie sehr die Schulen davon ausgehen, dass man automatisch weiß wie ein erster Schultag aussieht, wo man hingeht (wo nicht), wieviel Zeit man einplanen muss und so weiter. Und dass, obwohl beide Schulen, laut eigenen Angaben, sehr viel Erfahrung mit Ausländern (= Leuten, die das System nicht kennen) haben.

Das Gute war, dass das Frühstück gepackt war, die Kinder gegessen hatten und wir alle rechtzeitig auf dem Weg waren. Wir hatten und entschieden, Albert heute ausnahmsweise nochmal auf dem Fahrradsitz zu transportieren, damit wir recht schnell und vor allem gemeinsam zuerst zu Emma’s und dann zu Albert’s Schule fahren konnten. Ausserdem haben wir ja den Morgenverkehr noch nicht erlebt und dachten, es sei vielleicht eine gute Idee, das nicht gleich mit Albert auf dem Rad und am ersten Schultag zu probieren. Bis zur Ankunft bei Emma’s Schule lief eigentlich alles glatt.

Dann kamen wir an und trafen auf einen total vollen Schulhof mit lauter Musik und massenweisen Schülern und Eltern. Wohin nun? Beim Klassenzimmer war niemand. Also draussen suchen. Die Zeit verging und 8:25, der eigentliche Schulbeginn war bereits vorbei, die Schulklingel hatte auch schon geläutet. 8:45 sollte Albert’s Schule beginnen. 8:31. Was nun? Man bekam keine so klare Auskünfte. Dann sehe ich die Erzieherin von Emma umringt von Kindern und Eltern. Wir entscheiden dass Emma, bereits seit einigen Minuten auf Papa’s Arm, mit Papa dort bleibt und ich Albert zur Schule bringe. Ich nehme prompt den falschen Weg. Zu Fuss wäre es eigentlich genug Zeit um – wenn man den richtigen Weg nimmt – rechtzeitig bei Albert’s Schule zu sein. Leider haben wir das letzte Mal als wir von Emma’s Schule kamen jedoch nicht den direkten Weg zu seiner Schule gegangen sondern zu Papa’s Fakultät. Dort landeten wir auch heute. Toll. Die Zeit wird knapp, ich werde nervös. Ich bitte Albert auf den Fahrradsitz zu steigen (von einer Bank) und ich fahre etwas wackelig los – normalerweise fahre ich mit Emma im Sitz – natürlich ohne Fahrradhelm. Ein Auto vor uns hält den Verkehr auf und ich muss anhalten und kann nur sehr wackelig wieder losfahren. Albert bemerkt, dass ich ja keinen Helm auf habe. Und dass ich ja tot werden kann ohne Helm. Ich antworte ungeduldig, dass das jetzt gerade nicht das Wichtigste für mich ist, weil ich gerade versuche, rechtzeitig bei der Schule anzukommen. Das schaffen wir dann auch.

Auf dem Schulhof reihen sich kleinere Kinder auf. Im Klassenzimmer ist niemand. Wo ist Albert’s Klasse? Ich sehe eine Lehrerin hinter einer Ecke auf dem Hof verschwinden und höre laute Stimmen aus dieser Richtung. Wir gehen hinterher und entdecken, dass hinter der Ecke ein grösserer Hof liegt und dort bereits viele Kinder in vielen Reihen stehen. Sofort fragt uns eine Lehrerin ob wir hier neu sind und hilft uns, die richtige Lehrerin und Reihe zu finden. Obwohl es voll ist, ist es erstaunlich ruhig. Die Lehrerin am Mikrofon wünscht allen einen guten Tag und sagt: „So, jetzt winken wir mal den Eltern und sagen ‚Bis heute Nachmittag!‘. Albert ist der letzte in seiner Reihe und es erscheint mir, als ob er einen halben Kopf grösser ist als der Rest. Kein Wunder, denn wahrscheinlich ist er so ziemlich der Älteste nun. Ich hoffe, dass alles gut geht. Er sieht unsicher aus aber gefasst. Ein bisschen wie an seinem ersten Schultag in Schweden. Er winkt mir und läuft hinter den Kindern her ins Haus. Ich gehe, etwas schweren Herzens. Bis um 15:30 Uhr also.

Etwas später treffe ich András, der auf dem Weg zur Arbeit ist. Er ist überhaupt nicht begeistert davon, wie es in Emma’s Schule ablief. Chaos was das. Nach einer Weile hatte Emma dann einen Aufkleber mit Namen und ein Klebearmband. Das bekamen alle Schüler. Das wussten wir vorher nicht. Aber wir wussten von dem Affen, dem Symbol, was sich Emma am Schnuppertag aussuchte.

Wir hatten Emma extra beigebracht, dass ihre Sachen bei dem Kleiderhaken mit dem Affensymbol hängen. Aber es gab nur eine Affensymbol bei den Haken der Parallelklasse. Bis ein anderes Kind kam und auf den Platz wollte – der ja seiner war. In Emma’s Klasse wurde der Affenaufkleber vergessen. Blöd. Nachdem András geschafft hatte, Emma dann auf einen Platz mit Haken ohne Symbol zu bringen – durch ziemlich viel Gedrängel auf dem Flur – kam die Erzieherin vorbei, zog Emma’s Hand aus der von Papa, meinte, es wäre jetzte eine gute Zeit zu gehen und zog Emma Richtung Klassenzimmer. Zeit für eine Verabschiedung blieb nicht. Emma weinte nicht laut, aber durch das Fenster sah András, wie sie sich mit den Ärmeln über das Gesicht wischte. Leises Weinen bei Emma ist viel trauriger als lautes. Nach dem Chaos auf dem Schulhof wo alle 30 min rumstanden und irgendwer wer was am Mikrofon sagte wurde dann alles in 2 Minuten in einem überfüllten Flur drängelnden Eltern und Kindern abgewickelt. Was für ein Auftakt!

Angeblich würden wir am ersten Schultag alle Infos bekommen, was wir noch besorgen müssten für Emma. Das wurde uns am Schnuppertag gesagt. Aber heute wollten sie doch bitte gerne schon gleich die Feuchttücher und die Taschentuchpackung haben. Tja. das hätten sie auch gerne am Schnuppertag erwähnen können.

Ein harter Anfang. Nucki im Klassenzimmer ist nicht gestattet, was auch ok ist. Allerdings fand ich es seltsam als wir halb im Scherz sagten: „Oh, bei Emma könnte das dann durchaus laut werden!“ und die Erzieherin meinte: „Ach, ich bin viel Lärm gewöhnt!“. Eine Erzieherin, 24 Kinder. In Schweden waren es 15 Kinder mit 3 Erzieherinnen. Eine ziemliche Umstellung…

Ich sollte eigentlich die Möglichkeiten geniesssen die dieser Tag mit sich bringt. Was man bis 15:30 (=Abholzeit) alles machen und schaffen kann? Und ich sitze hier, mit einem üblen Gefühl im Bauch und frage mich, wie es meinen beiden jetzt geht. Muttersein ist allumfassend und  irreversibel. Das System wurde für immer geändert und ich bin nicht allein in meinem Kopf. Ich gehe heute das erste Mal in die zweite Klasse und verstehe kein Wort. Ich bin das erste Mal in einer Schule und habe keinen Nucki und keine Mama dabei. Und ich kann nichts machen. Ausser die Küche aufräumen. Vielleicht hilft das ja.